Der Tanz der Derwische

„Macht er mich zum Becher, so wird’ ich ein Becher.

Macht er mich zum Feuer, so schenke ich Glut.

Macht er mich zur Schlange, so spritze ich Gift.

Macht er mich zum Freunde, so diene ich ihm“

 

 

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Es regnet in Kappadokien eigentlich nie wenn ich dort bin. Aber darauf sollte man sich nichts einbilden, jedenfalls hängt der Himmel über dem herrlichen Land der heut verdächtig schief. Über den Gärten des Paschas gelingt gerade noch eine Lesung aus Khalil Gibrans „Der Prophet“, schon lockert der Himmel seine Schleusentore und die Tropfen fallen auf die letzte Seite. Nur, um sich in Zelve, meinem zweiten Lieblingsort in Kappadokien, endgültig über uns zu ergießen. Schön, dass man auf diese Weise daran erinnert wird, wer die Erosion im Lande hervorruft, aber ich hätte gut auf diese Einlage verzichten können. Und als der Himmel nochmals sein Wut auf uns herabschleudert, als wir geduldig darauf warten, in die wunderschöne dunkle Kirche eingelassen zu werden, dort im Kirchental zu Göreme, da reicht es dann endgültig. Klitschnass müssen wir einsehen, dass aus unserer geplanten Wanderung am Nachmittag wohl kaum noch etwas werden wird.

 

 

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Nun ist man ja nicht umsonst seit 3 Jahren unterwegs um sich von so einem Unglück ins Bockshorn jagen zulassen und somit werden alle  Möglichkeiten erwogen, aus diesem Tag doch noch ein unvergessliches Erlebnis zu machen.

Auf der Strecke vom Töpferdorf Avanus zur alten Römerstadt Kayseri liegt eine der vielen Seldschukenkarawansereien des Landes. Die 1249 erbaute Sare Hane ist heute nach ihrer Restaurierung wirkungsvoller Rahmen eines der schönsten „Spektakel“, welche man in der Türkei erleben darf. Der 1923 von Atatürk verbotene Mevlanaorden führt hier regelmäßig seine weltberühmten Tänze auf, ohne Tamtam, ohne Folklore, nur das reine Erlebnis eines getanzten Gottesdienstes.

 

 

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Der aus Balch in Afghanistan stammende Dschelaladdin zieht als Junge mit seinen Eltern in die Seldschukenhauptstadt Konia, wo sein Vater ein Lehramt an einer Koranschule bekommt. Hier wird ihm später selber ein Lehramt für Theologie angeboten und nach einer Begegnung mit dem Mystiker Schamsuddin von Täbriz wendet er sich immer mehr dessen mystischen Gedanken zu und wird zu einem der größten Dichter und Mystiker der islamischen Welt. Sein herrliches Grabmal in Konia wird zum Zentrum des von seinem Sohn gegründeten Ordens der tanzenden Derwische.

Beim Tanz drehen sich die Gefolgsleute des Mevlana, des Meisters, den wir heute auch als Rumi kennen, gegen den Uhrzeigersinn, also in Richtung ihres Herzens im Kreise, wobei sie ihren einen Arm Richtung Himmel strecken, die andere Hand zu Erde blicken lassen, so dass sie die Kraft Gottes zur Erde geleitet werden kann. Ihr zu Laute und Flöte getanzter Reigen ist genau das, was das Wort Islam bedeutet, nämlich einfach Hingebung zu Gott. In fast-Trance erreichten sie höchste Ekstase und entgleiten der menschlichen Sphäre fast völlig.

 

 

 

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Der Meister in seinem schwarzen Umhang, welcher das Leben und irdische Dasein verkörpert, schreitet lautlos zwischen den Derwischen hin und her und sie umkreisen ihn wie die Planten die Sonne, ohne ihn je zu berühren. Sie selbst haben den schwarzen Mantel abgelegt und wirbeln ihre weißen Röcke, welche die eigenen Leichentücher darstellen, in gleichmäßigen Drehungen und in nicht sichtbarer Regie des Meisters durch den Raum. Ihre hohen Filzmützen sind ihr symbolischer Grabstein, sie scheinen wirklich jeden Kontakt mit den Normalsterblichen abgelegt zu haben und schweben so durch Zeit und Raum.

 

 

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Als der Meister schließlich unter ständigem Verbeugen vor dem rosa Schafspelz, welches den Thron des Meisters Mevlana andeutet, sich danksagend aus dem Raume zurückzieht, die Derwische wieder zur Erde zurückgekehrt sind und in ihren schwarzen Mänteln die Arena verlassen, ist man für einen Moment mehr als verwirrt ob dessen, welchem man als Zeuge beiwohnen durfte. Ein getanzter Gottesdienst, der mehr unter die Haut ging als jede noch so schön bemalte Kirche einer längst vergangenen Epoche…

 

 

 

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